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Jugendliche Flüchtlinge: Auf der Suche nach Sicherheit und Perspektive

RAVENSBURG – Sie kommen aus Afghanistan, Somalia, Syrien, Eritrea oder Gambia. Sie sind 16, 17 Jahre alt und ganz allein in Deutschland angekommen. Hinter ihnen liegt eine regelrechte Odyssee; und vor ihnen – so hoffen sie – eine sichere und bessere Zukunft. Rund ein Dutzend so genannte „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ (UmF) haben im Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) der Stiftung Liebenau fürs Erste eine neue Heimat gefunden. Zusammen mit weiteren jugendlichen Neuankömmlingen, die jetzt in der Region wohnen, gehen sie hier auch zur Schule.

Vor Bürgerkrieg und Terror sind sie geflohen. Die einen hoffen darauf, ihre Familie nachholen zu dürfen, die anderen sind Waisen und ganz auf sich allein gestellt. Für alle diese jugendlichen Flüchtlinge gilt: Sie sind auf der Suche nach Sicherheit und Perspektive. „Sie waren zum Teil über ein Jahr auf der Flucht“, weiß Wolfgang Dreyer, Bereichsleiter Wohnen und Freizeit im Ravensburger BBW. Diese Strapazen haben sie überstanden. Wie es längerfristig für sie weitergeht, wissen sie nicht, solange ihr Asylverfahren nicht abgeschlossen ist. Doch zunächst einmal sind sie hier unter der Obhut des Jugendamtes. Und nach dem Jugendhilfegesetz steht ihnen der gleiche Schutz zu wie allen anderen Minderjährigen in Problemlagen hierzulande auch.

Buntes BBW
Als freier Träger der Jugendhilfe nimmt das BBW schon seit mehreren Jahren Jugendliche mit UmF-Status auf. In der Ravensburger Bildungseinrichtung erweitern sie das ohnehin breite Spektrum an Migrationshintergründen und persönlichen Lebensgeschichten. Vom Autisten bis zum berufserfahrenen Umschulungsteilnehmer, vom Jugendlichen mit einer Lernbehinderung bis hin zur alleinerziehenden Mutter, die zurück in das Arbeitsleben möchte – mittlerweile ist das BBW Kompetenzzentrum und Inklusionsschlüssel für die verschiedensten Menschen geworden. Vom Know-how, Benachteiligte mit besonderem Teilhabebedarf beruflich und persönlich auf Kurs zu bringen, profitieren nun auch die jungen Flüchtlinge aus den Krisengebieten der Welt.

Flüchtlinge drücken die Schulbank
15 von ihnen haben über die Jugendhilfe im BBW-Internat oder einer Außenwohngruppe in der Stadt ein Dach über dem Kopf bekommen. Hier lernen sie, sich in der neuen Umgebung und fremden Kultur zurechtzufinden. Hier haben sie endlich einen geregelten Tagesablauf – Bildung inklusive. So drücken die jungen Flüchtlinge – manche erstmals in ihrem Leben – die Schulbank und durchlaufen ein eigens auf sie abgestimmtes Berufsvorbereitungsjahr: das VABO. Dieses Kürzel steht für „Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen“. Seit wenigen Wochen gibt es dieses Angebot auch in der BBW-eigenen Sonderberufsfachschule, der Josef-Wilhelm-Schule. Neben Flüchtlingen aus dem BBW besucht eine Gruppe junger Syrer aus Vogt diese neue 18-köpfige Klasse. Weitere Klassen sind in Planung.

Deutsch lernen hat Priorität
Wurden sie an ihrem ersten Schultag im BBW noch auf Englisch und – dank eines dolmetschenden Mitschülers – auf Arabisch begrüßt, soll schon bald Deutsch die Alltagssprache sein. „Das ist der Schlüssel für Ihre soziale Integration und berufliche Zukunft“, schwor der für die Maßnahme zuständige Konrektor Lutz Nischelwitzer die neuen Schüler auf diese Herausforderung ein. Neben Deutsch werden die Flüchtlinge auch in weiteren Fächern unterrichtet. So lernen sie im BBW praxisnah die Berufsbereiche Holz, Metall und Hauswirtschaft kennen, auch Sport steht auf dem Stundenplan. Zudem wird ihnen vermittelt, wie die Gesellschaft in Deutschland funktioniert, welche Regeln und Gebräuche es gibt. Und sie erhalten zusätzliche schulische Förderangebote und Nachhilfe. Denn die Voraussetzungen, mit denen die Flüchtlinge ins BBW kamen, sind ganz unterschiedlich: Vom Analphabeten bis zum Uni-Anwärter sind alle Bildungsstufen mit dabei, wie Schulleiter Klaus Hagmann berichtet.

Gemeinsame Freizeitaktivitäten
Im BBW-Wohnheim gibt es für die derzeit ausschließlich männlichen Flüchtlinge sozialpädagogische Begleitung, Freizeitangebote vom Klettern bis zum Fußballspielen sowie ein abgestuftes Betreuungs- und Wohnkonzept. Wie für die anderen BBW-Jugendlichen gilt auch hier: so viel Unterstützung wie nötig, soviel Selbstständigkeit wie möglich. Auch der BBW-eigene Fachdienst Diagnostik und Entwicklung kümmert sich um die jungen Flüchtlinge. Denn viele sind durch Krieg und Flucht traumatisiert, brauchen dringend psychologische Hilfe.

Das Miteinander funktioniert
Und das Miteinander mit den anderen Jugendlichen im BBW? Das funktioniert gut, wie Wolfgang Dreyer berichtet. Im Internat, Schule und Freizeit haben die Flüchtlinge Anschluss an die anderen Jugendlichen, die im BBW eine Ausbildung oder Berufsvorbereitung machen. Neben der Integration in die neue Kultur spiele aber auch der Kontakt zu Landsleuten eine große Rolle. „Diese emotionale Anbindung an ihre Wurzeln ist für die Flüchtlinge ganz wichtig“, betont Wolfgang Dreyer. Das geschehe durch Kontakte zu entsprechenden Vereinen oder Religionsgemeinschaften in der Region. Auch hier ist das in über drei Jahrzehnten angewachsene Netzwerk des BBW von Vorteil. Und Integration, Inklusion, lebenspraktische und schulische Förderung, Freizeit- und Alltagsgestaltung – das sind seit jeher Säulen eines ganzheitlichen Bildungsverständnisses im BBW.

Berufliche Perspektiven

Im Hier und Jetzt sind die UmFs dort also in guten Händen. Und die Zukunft? Ihre Perspektiven? Die erste Generation jugendlicher Flüchtlinge im BBW sei inzwischen zu einem Großteil in reguläre Arbeitsverhältnisse vermittelt worden, berichtet Dreyer. Und auch von den jetzigen UmFs hat sich der eine oder andere in Praktika bereits bewiesen. Im Frühjahr 2016 wird das BBW Flüchtlinge in seinen Ausbildungsbetrieben im Rahmen einer EU-geförderten Maßnahme qualifizieren.

Hilfe für Flüchtlinge in der Stiftung Liebenau

Im Verbund der Stiftung Liebenau gibt es in vielen Bereichen Hilfsangebote zur Unterbringung, zur Betreuung unbegleiteter Minderjähriger sowie Arbeits- und Beschäftigungsangebote. In Liebenau selbst werden 60 Plätze geschaffen für Familien und Alleinstehende mit Kindern. Am Standort Rosenharz werden ebenfalls Flüchtlingsfamilien einziehen. Unbegleitete Minderjährige werden neben dem BBW auch noch im Jugendhilfebereich der St. Gallus-Hilfe in Hegenberg betreut. Derzeit sind insgesamt 21 Plätze belegt, weitere sind in Planung. Auch Hilfen zur Arbeit und Beschäftigung stehen innerhalb des Stiftungsverbunds zur Verfügung. Zusammen mit den örtlichen Helfernetzwerken wurden in den vergangenen Monaten bereits freie Stellen in der Liebenau Service GmbH mit Flüchtlingen besetzt, vorwiegend in der Gebäudereinigung. Gemeinnützige Arbeitsgelegenheiten bietet die Altenhilfe der Stiftung Liebenau. Asylbewerber sind in den Pflegeheimen in der sozialen Betreuung im Einsatz. Drei Personen haben bereits eine Ausbildung in der Altenpflege begonnen.

 


 

Kontakt:
Stiftung Liebenau
Abteilung Kommunikation und Marketing
Vera Ruppert, Pressearbeit
Siggenweilerstr. 11
88074 Meckenbeuren
Telefon 07542 10-1181
vera.ruppert(at)stiftung-liebenau.de

erstellt am 24.11.2015



Erster Schultag in der Josef-Wilhelm-Schule des BBW: in einer eigenen Klasse absolvieren jugendliche Flüchtlinge eine spezielle Version des Berufsvorbereitungsjahres: das Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen – kurz: VABO.