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Ein Glückspilz mit Durchhaltevermögen

RAVENSBURG – Vier Jahre lang absolvierte Marcus Paul eine Ausbildung zum Hochbaufacharbeiter im Berufsbildungswerk Adolf Aich. Ohne die Unterstützung seiner Lehrer und Erzieher hätte er es nicht geschafft. Heute hat er einen unbefristeten Arbeitsplatz als Produktionshelfer bei "Vom Fass" in Hannober, eine eigene Wohnung und steht mit beiden Beinen im Leben.


Seit einem Jahr ist Marcus Paul im normalen Arbeitsleben, und trotzdem lässt er sich ab und zu noch im BBW blicken, um dort an seiner alten Ausbildungsstätte "nach dem Rechten" zu schauen. "Eigentlich wollte ich eine Ausbildung im Bereich Lager machen", erinnert er sich an seine ersten Tage im BBW. "Es gab keinen freien Platz. Aber ich bin auch gerne draußen im Freien und arbeite mit Steinen." Da Maurer wegen des hohen Anteiles an Mathematik zu schwer für ihn gewesen wäre, entschied er sich, Hochbaufacharbeiter zu werden.

Deutsch als größtes Problem


Im Alltag konnte Marcus Paul sich gut verständigen, aber sein Wortschatz war begrenzt, und so hatte er in allen Schulfächern Probleme. Jeden Freitag kam er deshalb zu Christiane Fischer in das Förderzentrum der BBW-eigenen Josef-Wilhelm-Schule und arbeitete an seinem Grundwortschatz, an der Rechtschreibung, am Lesen und am Textverständnis. Durch den Einzelunterricht konnte die Förderlehrerin ganz gezielt auf Pauls Lernvoraussetzungen eingehen. "Ich bewundere oft die Geduld, die meine Schüler haben. Sie zeigen hier, welche innere Stärke und Durchhaltevermögen sie haben!", erzählt Christiane Fischer, die sich freut, wenn Marcus Paul kurz bei ihr vorbei schaut und sie auf dem Laufenden hält.

"Das BBW war mein großes Glück"

Am Ende der Unterrichtsstunden gab es jedes Mal eine Gedächtnis- und Konzentrationsübung. Auch heute noch lässt sich Marcus sofort auf ein Spiel mit seiner Lehrerin ein. Aus einer kleinen roten Pappschachtel zieht Fischer fünf Worte und legt sie auf den Tisch. Bemühungen, Pferd, Sternenhimmel, Zahnarzt und Mietpreis steht da geschrieben. Man hat nur kurz Zeit, um sich die Worte einzuprägen, dann werden die Kärtchen verdeckt und man muss sie in der richtigen Reihenfolge aufschreiben. Marcus Paul ist längst nicht mehr im Training und verliert. Für ihn steht eindeutig fest: "Hätte ich den Stütz- und Förderunterricht bei Frau Fischer nicht gehabt, hätte ich in der Abschlussprüfung die Fragen nicht verstanden. Im schlimmsten Fall wäre ich deswegen durchgefallen und jetzt sicher nicht da, wo ich gerade stehe. Das BBW war mein großes Glück."

Kochen in der eigenen Küche ist am Schönsten


Zunächst teilte er sich im BBW mit einem anderen Jugendlichen ein Zimmer. Aber sein ganz großer Wunsch war es, selbstständig zu sein. "Ich kann für mich kochen, einkaufen, Wäsche waschen – und ich brauche niemanden, der mich morgens weckt", so Marcus Paul. Und in einem Gespräch mit den Verantwortlichen entschied man, es zu versuchen. Nun gibt es auf dem Gelände zwei Einzimmerapartments, die natürlich heiß begehrt sind – und auch hier hatte Marcus wieder Glück. Eines wurde frei, und er konnte einziehen. Alles war perfekt, nur auf dem kleinen Zweiplattenherd ließ sich nicht so gut kochen. Das ist heute Vergangenheit, denn in seiner kleinen Wohnung in Vogt macht ihm das Kochen richtig Spaß. Seine Küche ist recht groß und ausgestattet mit einem Vierplattenherd, einem Backofen und sogar einer Dunstabzugshaube. Das Glück begleitet ihn aber auch in der Freizeit, wenn er mit dem Fahrrad unterwegs ist und an abgerutschten Waldhängen ganz zufällig einen 30 Zentimeter großen Ammoniten findet. Ähnliche Dinge passieren Marcus Paul ständig, vielleicht weil er durch seine kindliche Neugier aufmerksamer durch die Welt geht.

Pfandflaschen für den Autokauf


Allein auf sein Glück hat er sich jedoch nie verlassen. Während der vier Jahre im BBW war Marcus Paul immer mit einem kleinen Tretroller unterwegs, am Lenker rechts und links zwei Plastiktüten, in denen er Pfandflaschen sammelte, die er aus den Mülleimern fischte. "Marcus ist so dermaßen geradlinig und zielstrebig bei der Sache geblieben, immer war er unterwegs, ob Regen oder Schnee. Er hat sich die Faulheit der anderen zunutze gemacht", erzählt Christiane Fischer. Von dem Pfandgeld hat er sich ein Fahrrad gekauft, dann die Hälfte seines Führerscheines bezahlt und sich letztendlich für 2.600 Euro ein Auto gekauft.

Früher Praktikant, jetzt Mitarbeiter


Zuverlässig ist er. Dass er zu spät zur Arbeit kommt, passiert so gut wie nie. Als er während des dritten Lehrjahres ein Praktikum bei "Vom Fass" absolvierte, erkannte sein Vorgesetzter seine Fähigkeiten und bot ihm einen unbefristeten Arbeitsvertrag an. Noch heute kann Marcus Paul das manchmal kaum glauben. "Das war der Hammer, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Das war wie ein Sechser im Lotto."

 aus: Auf Kurs (2/2015)

 


 

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erstellt am 06.07.2015



Rückkehr an die alte Ausbildungsstätte: Die Freude bei BBW-Absolvent Marcus Paul ist groß, als er im Materiallager bei den Eisenstangen eine seiner Prüfungsaufgabe findet. Heute dürfen die Azubis damit üben. Vergangenes Jahr hatte er 35 Minuten Zeit, um eine Auflagenbewehrung in T-Form zu bauen. Er hat es geschafft.