Sie sind hier:  Aktuelles & Informationen »  Presse 

Autist Markus S.: "Ich will Gärtner werden – und sonst nix"

RAVENSBURG – Jetzt ist BBW-Absolvent Markus S. da, wo er hinwollte: Als fertig ausgebildeter Gärtner hat er einen festen Job in einem Betrieb, der ihn seit Jahren kennt. Damit es überhaupt zu dieser Erfolgsgeschichte kam, mussten die Rahmenbedingungen jedoch hundertprozentig stimmen. Denn Markus S. ist Asperger-Autist.

"In dem Kerle steckt was"

Mit einem Praktikum vor ein paar Jahren fing eigentlich alles an. Markus S. kam zum Schnuppern in einen Gartenbaubetrieb im Landkreis Ravensburg. Grünflächen anlegen und pflegen, Pflastern, Außenanlagen gestalten, mit Pflanzen umgehen. Der junge Mann fühlte sich von Anfang an wohl, auch sein Chef glaubte an ihn, stieß aber an seine Grenzen. Zu groß war der Aufwand, den Asperger-Autisten selbst als Lehrling aufzunehmen. Ein Anruf im BBW bei Bildungsbegleiterin Ursula Baldauf folgte: "Ich kann ihn hier leider nicht ausbilden, das müsst Ihr machen", meinte der Unternehmer. "Aber ich glaube, in dem Kerle steckt was."

Gesamtpaket geschnürt

Und so kam der Stein ins Rollen. Es gab Gespräche mit der Bundesagentur für Arbeit, diese gab grünes Licht für die entsprechende Finanzierung. Der Weg zur Berufsausbildung war frei. Die Job-Wahl war für Markus S. von vorneherein klar gewesen: "Ich will Gärtner im Garten- und Landschaftsbau werden – und sonst nix." Die körperliche Arbeit im Freien, das war sein Ding. "Und dann haben wir damit angefangen, ein Gesamtpaket für Markus zu schnüren", erinnert sich Ursula Baldauf. Wir, das sind die Sonderberufsschule des BBW, die Josef-Wilhelm-Schule, die Psychologen vom Fachdienst Diagnostik und Entwicklung, sowie die Fachkräfte in der Ausbildung. "Alle waren mit im Boot." Auch das BBW-Wohnheim, wo Markus ein neues Zuhause fand. Selbst wenn er sich dort mit sozialen Kontakten zurückhielt und nur wenig Freundschaften mit Gleichaltrigen schloss, so war es für seine Entwicklung doch wichtig, dass ihm auch abseits von Schule und Ausbildung jemand zur Seite stand. "Die Gefahr der Vereinsamung wäre sonst hoch gewesen", sagt Baldauf.

"Übersetzer" sind gefragt

So groß das Know-how im BBW selbst im Umgang mit Asperger-Autisten ist – derzeit werden dort über 60 Jugendliche mit dieser Störung betreut, so überfordert sind oft andere Menschen. Immer wieder müssen Ursula Baldauf und ihre Kollegen als "Übersetzer" auftreten, um die ganz typischen Missverständnisse auszuräumen. Bei Markus S. war das nicht anders. Seine Bildungsbegleiterin erinnert sich an viele Situationen. Zum Beispiel, wenn externe Prüfer ihm Aufgaben stellten und er einfach etwas anderes machte, weil die Anweisungen nicht klar waren. Oder wenn er sich in die Enge gedrängt fühlte und dann scheinbar unfreundlich und unwirsch reagierte. Der Bedarf an solchen Übersetzungshilfen zog sich durch die ganze Ausbildung und wird auch danach nicht aufhören. Baldauf: "Es ist immer die Gefahr bei Asperger-Autisten, dass sie sich durch ein aus Sicht der anderen unverständliches Verhalten ungewollt ins Aus befördern."

Alles hat geklappt

Aufregend wurde es auch, wenn Markus S. zuweilen das "schützende" Dach des BBW verlassen musste, um die vorgeschriebenen einwöchigen Spezialkurse – zum Beispiel zum Thema Steinbearbeitung – in Heidelberg und Kirchheim/Teck zu besuchen. Seine Bildungsbegleiterin hatte das Ganze jeweils gut vorbereitet, im Vorfeld die Schulen auf die Besonderheiten des Teilnehmers aus dem BBW hingewiesen und mit Markus alles Nötige vor der Zugfahrt besprochen. "Trotzdem habe ich mit Bauchweh darauf gewartet, dass er gut ankommt." Er kam jedes Mal gut an. Und mit jedem Kurs wurde das Bauchweh weniger.

Er wird immer Unterstützung brauchen

Und immer klarer wurde auch: "Er kann die Ausbildung und den Sprung ins Arbeitsleben schaffen, aber er wird immer Unterstützung brauchen", so Baldauf. Und das mehr in Alltagsdingen, in persönlichen Angelegenheiten. Die schulische Prognose war von Anfang an gut gewesen: Mathe und Deutsch? Kein Problem. Sich botanische Namen einzuprägen? Erst recht nicht. Den Hauptschulabschluss hatte er ja bereits in der Tasche, als er ins BBW gekommen war. Und so absolvierte er dort gleich die Vollausbildung zum Gärtner für Garten- und Landschaftsbau – anstatt die theoriereduzierte Form des Gartenbaufachwerkers.

Fester Job und Platz in Gastfamilie

Immer wieder ging Markus S. zu Praktika zurück in seinen angestammten Betrieb. "Es war ihm und uns wichtig, den regelmäßigen Kontakt zu halten", betont Baldauf. "Sie wussten ja mittlerweile genau, wie man ihn zu nehmen auf seine persönlichen Eigenheiten einzugehen hat." Und so war auch klar, wohin ihn sein beruflicher Weg nach der Ausbildung führen würde: Diese Firma musste es sein, "Es wäre sehr schwierig geworden, ihn dauerhaft irgendwo anders unterzubringen", sagt Ursula Baldauf und ist froh, dass alles geklappt hat. Zunächst die Abschlussprüfungen und dann auch die anschließende Vermittlung in den Job. Auch darüber hinaus wurden die Weichen für eine gute Zukunft gestellt: Markus S. wohnt jetzt in einer Gastfamilie, hat dort den nötigen privaten Anschluss und wird zugleich in seiner Selbstständigkeit gefördert. Ja, in dem Kerle steckte tatsächlich was. Und dank Unterstützung durch das BBW konnte er das beweisen.

 


 

Kontakt:
Stiftung Liebenau
Abteilung Kommunikation
Sekretariat Presse
Siggenweilerstr. 11
88074 Meckenbeuren
Telefon 07542 10-1181
Telefax 07542 10-1117
vera.ruppert(at)stiftung-liebenau.de

 

 

erstellt am 18.12.2014



 

Sein Berufswunsch wurde Wirklichkeit: Markus S. hat seine Ausbildung im BBW erfolgreich abgeschlossen und arbeitet nun als Gärtner.

Foto: Photographee.eu (Fotolia.com)