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Der steinige Weg in den Arbeitsmarkt

RAVENSBURG – "Wettstreit um Fachkräfte hat begonnen", "Job-Boom in Deutschland", "Arbeitslosenquote auf dem Tiefstand": Angesichts solcher Schlagzeilen scheint Jugendlichen im Moment die Arbeitswelt förmlich zu Füßen zu liegen. Doch nicht allen gelingt der Start ins Berufsleben auf eigene Faust. Ohne qualifizierte Förderung von außen laufen diese jungen Menschen Gefahr, dauerhaft ohne Ausbildung zu bleiben.

 

"Für mich war es die letzte Chance"

Schlechte oder fehlende Schulabschlüsse, Lernschwierigkeiten, Lücken und Brüche im Lebenslauf, Konflikte mit dem Gesetz, psychische Probleme oder soziale Benachteiligungen. Alles Gründe, warum manche junge Menschen so gut wie keine Chance auf einen Ausbildungsplatz in der freien Wirtschaft haben. So bevorzugen die Betriebe Mitbewerber mit besserem Zeugnis oder können das nötige Mehr an individueller Unterstützung für benachteiligte Azubis schlichtweg nicht aufbringen. Das wiederum leisten Spezialeinrichtungen der beruflichen Rehabilitation.

BBW: "Für viele die einzige Möglichkeit"

Dazu zählt auch das Ravensburger Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) mit seinem Team aus Ausbildern, Lehrern, Erziehern, Psychologen und Sozialpädagogen. "Für viele Jugendliche sind wir die einzige Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen", sagt Franziska Eggert, Bildungsbegleiterin am BBW, das derzeit über 700 junge Menschen mit besonderem Förderbedarf ausbildet oder auf einen Einstieg ins Berufsleben vorbereitet. Und Eggert weiß, wovon sich spricht. Sie bekommt in ihrer täglichen Arbeit hautnah mit, wie schmal der Grat zwischen Absturz und Teilhabe manchmal ist, und an welchen Hürden die Jugendlichen zu scheitern drohen.

Auf Umwegen zum Traumberuf

Gerade wenn man vielleicht wie Sinan Yüzük auch in Bewerbungsgesprächen eher der ruhige Typ war. Der heute 23-Jährige hatte nach seinem Hauptschulabschluss keinen Ausbildungsplatz bekommen, "wollte aber unbedingt arbeiten." Und so schlug er sich mit diversen Gelegenheitsjobs durchs Leben. Über Umwege und mit Unterstützung der Agentur für Arbeit landete er schließlich im BBW – und hat nun plötzlich als angehender Industriemechaniker beste Perspektiven, später einen guten Job zu bekommen. Dank Bildungsbegleitung, schulischer Förderung und einer fachpraktischen Lehre, die den Betrieben draußen in nichts nachsteht. Im Gegenteil: "Die Werkstätten und Maschinen im BBW sind top", sagt Yüzük. Daneben absolviert er betriebliche Ausbildungsphasen und besucht die Berufsschule in Ravensburg.

Einfach Pech gehabt

Wenn man heute seine Ausbilder über ihn reden hört, die ihn als "guten und zuverlässigen Jugendlichen" loben, fragt man sich, warum ausgerechnet er fast durchs Raster gefallen und so lange ohne Ausbildungsplatz geblieben ist? Am Talent und der Motivation lag es ganz offensichtlich nicht, wie Thomas Rapp, Metall-Betriebsleiter im BBW, bestätigt. Sondern? "Das war einfach Pech", meint Rapp und weiß, dass dieses Schicksal auch andere trifft. Er sieht sie jedes Jahr kommen und gehen, die Jugendlichen mit so genannten Lernschwierigkeiten und sozialen Benachteiligungen. Die nicht selten als "Problemfälle" zu ihm kommen und nach ein paar Jahren oft als selbstbewusste und gestandene junge Menschen ihren Gesellenbrief in den Händen halten.

"Dann wäre ich auf die schiefe Bahn geraten"

Ein Paradebeispiel: Christian Klöden, der kurz vor seinem erfolgreichen Ausbildungsabschluss steht. Danach sah es nicht unbedingt aus, als er damals in der zehnten Klasse>von der Realschule flog – "weil ich so gut wie nie in der Schule war." Ein Jahr saß er zu Hause, ohne Perspektive. "Ich hatte nichts, und es war auch nichts in Aussicht." Dann kam er ins BBW. Zunächst als Metallfeinbearbeiter, einem inhaltlich reduzierten Ausbildungsberuf. Doch bald sahen die Ausbilder sein viel größeres Potenzial. Und so folgte der Durchstieg in die Vollausbildung zum Zerspanungsmechaniker. Eine Erfolgstory: mehrere Belobigungen, super Berufsschulleistungen, ein Notenschnitt von 1,8, der Antrag auf vorgezogene Prüfung. Die hat er nun schon nach drei Jahren – sechs Monate früher als normal – abgelegt. Und einen Arbeitsvertrag hat er auch schon in der Tasche. Wo stünde er heute ohne seine zweite Chance im BBW und seine Familie, die ihn immer unterstützt hat? "Dann wäre ich wahrscheinlich auf die schiefe Bahn geraten." Sein Noch-Chef Thomas Rapp kann sich nur schwer vorstellen, dass der heutige Vorzeige-Azubi tatsächlich einst so am Scheideweg gestanden hatte. Aber das bestärkt Rapp nur einmal mehr in seiner Überzeugung: "Man muss den Jungs die Chance auf einen Neuanfang geben!"

Chance, sich zu beweisen

"Gut, dass man hier die Gelegenheit bekommt, sich zu beweisen", sagt auch Daniel Zacharias. Die hat der Metall-Azubi des zweiten Lehrjahrs woanders nicht bekommen. "Bei meinen Vorstellungsgesprächen bin ich oft neben Gymnasiasten gesessen", erzählt der Realschulabbrecher von den frustrierenden Erlebnissen auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Und so durchlief er diverse Maßnahmen und Praktika, jobbte hier und da, leistete seinen Wehrdienst ab, verlor aufgrund der Wirtschaftskrise seine Stelle als ungelernter Arbeiter – und überzeugte nach dieser beruflichen Odyssee schließlich die Agentur für Arbeit davon, ihn mit 22 Jahren am BBW anzumelden: "Für mich war das die letzte Chance." Denn, wie er am eigenen Leib erfahren hatte: "Ohne Ausbildung ist man auf dem Arbeitsmarkt nichts wert." Auch bei ihm hat sein Ausbilder Rainer Leicht schnell festgestellt, "dass er mehr kann". Und so stockte er auf, vom Teilezurichter zum Zerspanungsmechaniker. "Er hat sich wahnsinnig ins Zeug gelegt", sagt Leicht und bescheinigt seinem Lehrling gute berufliche Aussichten.

Aussicht auf Teilhabe

Damit ist Zacharias kein Einzelfall, was die jährlichen Vermittlungsquoten des BBW beweisen. So bekommen die allermeisten der Azubis nach ihrem Abschluss auch einen Job. Erst jüngst belegte eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, dass sich die Investitionen des Steuerzahlers in eine BBW-Ausbildung schnell wieder auszahlen. So etwas kann man in Euro genau berechnen. Nicht in Zahlen messen kann man die noch vor wenigen Jahren völlig ungewissen persönlichen Perspektiven, die sich für Yüzük, Zacharias, Klöden und Co. nun eröffnen: eine qualifizierte Ausbildung, Aussicht auf Teilhabe und eine sichere Arbeitsstelle statt ewige Hilfsjobs oder Hartz IV.

 

 


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erstellt am 30.06.2011



Diese Azubis nutzten ihre zweite Chance

Eine zweite Chance bekommen und genutzt: Sinan Yüzük, Daniel Zacharias und Christian Klöden (v.l.), Auszubildende im Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) Ravensburg, sehen ihrer Zukunft inzwischen optimistisch und entspannt entgegen.

 


Das Berufsbildungswerk Adolf Aich gGmbH bietet ein breites Spektrum differenzierter Ausbildungs- und Qualifizierungsangebote für Jugendliche und junge Erwachsene: von der Berufsfindung, Arbeitserprobung, über Trainingsprojekte bis zur Berufsvorbereitung oder Vollausbildung in einem der über 40 anerkannten Ausbildungsberufe. Das Angebot wird passgenau auf den Einzelnen zugeschnitten. Das BBW hat Standorte in Ravensburg und Ulm.
www.bbw-rv.de