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Berufsbildungswerk Adolf Aich: 300 Gäste beim Fachtag Autismus

RAVENSBURG – Zum vierten Fachtag des Autismus-Kompetenznetzwerkes Bodensee-Oberschwaben sind rund 300 Gäste in das Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) der Stiftung Liebenau gekommen. Zahlreiche Experten aus der ganzen Bundesrepublik informierten die Zuhörer in Fachvorträgen über das Thema Autismus.

 

"Beispielloses Netzwerk"

Das vor fünf Jahren ins Leben gerufene Autismus-Kompetenznetzwerk Bodensee-Oberschwaben sei inzwischen weit über die Region hinaus bekannt und innerhalb der Bundesrepublik beispiellos, berichtet Professor Dr. Renate Schepker, ärztliche Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am ZfP Weissenau und neben Dr. Dagmar Hoehne aus Friedrichshafen eine der Initiatorinnen der Organisation. Ende Januar 2010 hatte das Netzwerk nun nach Ravensburg in das BBW Adolf Aich zu seiner vierten Fachtagung Autismus eingeladen.

Jugendliche mit Autismus-Störung im BBW

Ein Thema, das auch im BBW-Alltag selbst eine Rolle spielt. Schließlich lernen und arbeiten hier 65 Jugendliche mit einer Diagnose Autismus, wie BBW-Geschäftsführer Herbert Lüdtke in seiner Begrüßungsrede erläuterte. Nicht zuletzt deshalb sei es für ihn ein Anliegen, "dass diese Personen in den Mittelpunkt gerückt werden und eine Öffentlichkeit geschaffen wird".

Diese Aufgabe hatten sich sechs namhafte Referenten und Autismus-Experten auf die Fahne geschrieben, die vor den zahlreichen Tagungsteilnehmern das Phänomen Autismus aus den verschiedensten Blickwinkeln beleuchteten.

70 Jahre Autismusforschung

Zunächst gab Professor Michele Noterdaeme einen Überblick über die verschiedenen Erscheinungsbilder der Autismus-Spektrums-Störungen und über insgesamt nun 70 Jahre Forschung auf diesem Gebiet. Doch so präsent wie heute war das Thema Autismus längst nicht immer. "Diese Störungen treten viel häufiger auf als früher angenommen", berichtete die Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie Augsburg. So seien vier von tausend Personen davon betroffen. Klar sei heute auch: "Autismus ist eine neurobiologisch bedingte Störung" – und nicht, so die veraltete Annahme, ein Resultat der Eltern-Kind-Beziehung.  "Es ist nicht Schuld der Eltern", machte Noterdaeme noch einmal in aller Form deutlich.

Verhaltenstherapie hilft

Ein großes Problem bei Autismus seien die oft zusätzlich auftretenden Symptome wie Epilepsie, Depressionen und Angst- oder Zwangsstörungen. Gegen diese Begleitstörungen gebe es Medikamente, doch Autismus selbst sei damit nicht behandelbar. Michele Noterdaeme: "Bis heute gibt es keine Medikation, die effektiv auf die Kernproblematik wirkt".

Helfen könne dagegen psychotherapeutische und -edukative Behandlungen. Hierbei reiche das Spektrum von der Verhaltenstherapie über das Training von sozialen Kompetenzen bis hin zu speziellen Formen wie etwa die Reittherapie. Zudem gebe es auch "zweifelhafte Methoden" wie Diäten oder eine Festhaltetherapie. Entscheidend für einen Therapieerfolg sei ein frühzeitiges Erkennen der Störung. Denn: "Die Betroffenen entwickeln sich umso besser, je früher ich behandle."

Langer Kampf um eine Lobby

Dem pflichtete die aus Osnabrück angereiste Maria Kaminski bei und beklagte: "Noch immer werden Kinder in Deutschland zu spät diagnostiziert." Die Vorsitzende des Bundesverbandes autismus Deutschland e.V., selbst Mutter eines Kindes mit einer Autismus-Störung, berichtete aus der Betroffenenperspektive über den langen Kampf um Anerkennung und fachliche Unterstützung. Allein gelassen auf der Suche nach Therapie, Information und kompetenter Hilfe habe sich ihr Verband seinerzeit als Elterninitiative gegründet, um für eine Verbesserung der Situation einzutreten. Bei der Begleitung und Förderung autistischer Menschen – insbesondere bei der Integration in den Arbeitsmarkt – plädierte sie dafür, unbedingt das gesamte Umfeld mit einzubeziehen. Dann seien die Chancen gut. Denn: "Wenn ein Autist gelernt hat, eine Arbeit zu verrichten, dann macht er sie sehr präzise."

Ein betroffener Vater erzählt

Auch Sebastian Schlaich, Kinder- und Jugendpsychiater in der St. Lukas-Klinik der Stiftung Liebenau, erzählte als Vater eines autistischen Sohnes von seinen eigenen Erfahrungen. Dabei vermischte er fachliches Wissen mit seiner ganz persönlichen Geschichte vom alltäglichen Umgang mit dieser Störung, berichtete von Schwierigkeiten und Erfolgserlebnissen sowie dem quälend langen Weg bis hin zur richtigen Diagnose. Denn diese wurde trotz früh erkannter Auffälligkeiten und quasi "lehrbuchmäßiger Symptome" im Falle seines Sohnes erst im jugendlichen Alter gestellt.

Eltern sind oft verunsichert

Für die betroffenen Eltern bedeute dies eine Zeit voller Verunsicherung und mit den immer wieder erhaltenen Vorwürfen: "Ihr macht irgendetwas falsch." Doch das permanente, "kraftaufreibende" Üben mit dem Kind und die Versuche, ihm Rückzugsmöglichkeiten und feste Strukturen zu gewährleisten, zahlten sich aus. Erfolge, die mitunter aber auch hart erkämpft werden mussten, wenn es etwa darum ging, dem Sohn eine Ausbildung zu ermöglichen. Schlaich: "Man braucht einen langen Atem, Toleranz und Verständnis." Aus seiner eigenen Berufspraxis als Facharzt konnte er berichten, dass sich die Abgrenzung "Autistisch oder nicht?" vor allem bei Kindern mit Sinnesbehinderungen oft schwierig darstellt: "In vielen Fällen können wir es nicht sauber trennen."

Autismus oder nicht Autismus?

Speziell auf solche Grenzfälle in der Diagnostik ging dann der ärztliche Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik Viersen, Dr. Ingo Spitczok von Brisinksi, in seinem Referat "Möglichkeiten im Umgang mit Grenzbefunden" ein.
Während Dr. Luise Poustka, leitende Oberärztin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, in einem sehr engagierten Vortrag über die Autismusdiagnostik im Erwachsenenalter ("Empathisieren und Systematisieren: das extrem männliche Gehirn") informierte, zeigte Dr. Eftichia Duketis aus Frankfurt/Main die Möglichkeiten der Früherkennung auf.

"Gelungene Veranstaltung"

Angesichts der kompetenten Referenten und der vielen positiven Rückmeldungen sprach Dr. Stefan Thelemann, Leiter der Abteilung Diagnostik und Entwicklung im BBW Adolf Aich, von einer "sehr gelungenen" Veranstaltung im Ravensburger Berufsbildungswerk, das mit zahlreichen anderen Verbänden, Betroffenen, Ämtern und Experten am Autismus-Kompetenznetzwerk Bodensee-Oberschwaben beteiligt ist.

Von: Helga Raible, erstellt am 01.02.2010



Fachtag Autismus im BBW

Experten aus der ganzen Republik referierten im BBW über Autismus-Forschung, -Diagnose und –Therapie.

Teilnehmer beim Fachtag Autismus im BBW

Mit seinen rund 300 Teilnehmern stieß der Fachtag Autismus des Kompetenznetzwerkes Bodensee-Oberschwaben auf große Resonanz.

Professor Michele Noterdaeme aus Augsburg

Autismus-Experten wie Professor Michele Noterdaeme aus Augsburg referierten beim Fachtag im BBW über die verschiedensten Aspekte dieser Störung.