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Frühe Förderung ist wichtig

RAVENSBURG – Bei einer Fachveranstaltung mit dem Titel "Zukunftsfaktor Bildung – Regionale Strategien für Jugendliche mit einem zusätzlichen Förderbedarf" haben Experten im Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) der Stiftung Liebenau diskutiert.

 

Der Arbeitsmarkt im Wandel

Jugendliche mit Lernbehinderungen oder sonstigen Benachteiligungen haben es schwer bei ihrem Berufseinstieg. Wie können diese jungen Menschen dennoch fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden? Dieser Frage gingen Fachleute aus Wissenschaft und Praxis, Wirtschaft, Politik und Verwaltung im Foyer des BBW vor zahlreichen Zuhörern nach.

Schlüsselqualifikationen sind gefragt

Gastrednerin Prof. Dr. Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) an der Fachhochschule Ludwigshafen, wagte zunächst einen Ausblick in die Zukunft der Arbeitswelt in Deutschland. Ihre Prognose: Die Bevölkerung schrumpft und altert, der Bedarf an Fachkräften steigt. Arbeit wird zunehmend komplexer, Wissen schnelllebiger, der globale Wettbewerb undurchsichtiger und die Anforderungen an die Menschen wachsen. Gefragt seien nicht mehr nur reines Fachwissen, sondern verstärkt auch darüber hinaus gehende Schlüsselqualifikationen wie zum Beispiel Flexibilität und Einfühlungsvermögen.

Ein derartiges Kompetenzprofil, das Rump als "Employability" (Beschäftigungsfähigkeit) bezeichnete, sei in diesen stürmischen Zeiten des Wandels "der einzige Sicherungsanker". Und da an diesem gar nicht früh genug gearbeitet werden könne, müssten Talente schon im Kindesalter entdeckt und gefördert werden. Unabdingbar sei auch ein lebenslanges Lernen. "Es ist nicht damit getan, Schule und Ausbildung zu Ende zu bringen", betonte Rump, die im Falle lernbehinderter Menschen vor allem eine lebensphasenorientierte "intensive Betreuung und Förderung" einforderte.

BBWs als Kompetenzzentren

Eine solche sei in Einrichtungen wie den Berufsbildungswerken gewährleistet, meinte Mechthild Ziegler, Vorsitzende von Lernen Fördern e.V., in der anschließenden Podiumsdiskussion, die von Frank Hautumm von der Schwäbischen Zeitung Ravensburg moderiert wurde. "Die BBWs haben sich als Kompetenzzentren bewährt", sagte Ziegler. Jedoch müsse man viel früher mit der Unterstützung beginnen. Denn schon im Kindergarten hätten lernbehinderte Kinder unter den ersten Misserfolgs-Erlebnissen zu leiden.

Und wie sieht es beim Übergang von Schule in die Ausbildung aus? Insgesamt mehr als 1 700 junge Menschen mit Benachteiligungen aller Art fördere die Agentur für Arbeit Ravensburg, rechnete deren Leiterin Gabriele Kreiss vor. Dabei werde individuell entschieden, welche Maßnahme zu welchem Jugendlichen passe.  Der Friedrichshafener Landtagsabgeordnete Norbert Zeller erkennt in diesem System jedoch Schwächen. So nannte es der Politiker "einen falschen Weg, die Kosten für die Berufsbildung von Seiten der Behörden zu deckeln. "Wir können es uns nicht leisten, Kindern eine nötige Förderung vorzuenthalten", kritisierte er und lobte gleichzeitig die Arbeit des BBW.

Recht auf Ausbildung

Zu jenen Arbeitgebern, die BBW-Absolventen beschäftigen, gehört Dr. Andreas Wolf, Geschäftsführer der Markdorfer Linnig Trucktec GmbH. Er sieht auch in Zukunft gute Berufschancen für die im BBW ausgebildeten Jugendlichen. "Wir werden langfristig auf einen völlig ausgetrockneten Arbeitsmarkt treffen", prognostizierte er mit Blick auf die demografische Entwicklung. Für Geringqualifizierte, so auch die Einschätzung von BBW-Geschäftsführer Herbert Lüdtke, werde es auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft dagegen immer schwieriger.

"Jeder Mensch hat das Recht auf Ausbildung", zitierte Lüdtke einen Passus aus der EU-Charta. Jedoch stehe dieser Leitsatz in einem krassen Widerspruch zur Realität, da zum Beispiel 18 Prozent der sozialversicherungspflichtig Erwerbstätigen in der Region keinen Berufsabschluss hätten. Seine Einrichtung, in der derzeit rund 700 Jugendliche eine Ausbildung oder eine berufsvorbereitende Maßnahme absolvieren, wolle weiterhin mithelfen, lernschwachen Jugendlichen mit einer fundierten Ausbildung einen Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Denn: "Wir sind diesem Personenkreis verpflichtet."

Möglichst allen Jugendlichen in der Region eine berufliche Perspektive verschaffen möchte auch die Initiative "Null Prozent Jugendarbeitslosigkeit", über die Andreas Köster, Sozialdezernent im Bodenseekreis, berichtete. Er plädierte für eine möglichst frühe Berufsorientierung, die nicht erst in der neunten Klasse einsetzen dürfe.

Debatte über Schulformen

Während in der Frage nach Frühförderung Konsens in der Runde herrschte, gingen die Meinungen in Sachen Schulpolitik auseinander. "Kinder müssen länger gemeinsam lernen", forderte MdL Norbert Zeller nach dem Vorbild anderer Staaten die Abschaffung der Trennung nach dem vierten Schuljahr und kritisierte die in Baden-Württemberg seiner Meinung nach bei diesem Thema vorhandenen "Scheuklappen". Dr. Susanne Pacher vom Regierungspräsidium Tübingen und Mechthild Ziegler hingegen verteidigten das System der Förderschulen im Südwesten. Für lernbehinderte Schüler, so Ziegler, sei dies solange der bessere Ort, bis in der Gesellschaft nicht ein generelles Umdenken einsetze und die Erkenntnis reife: "Es ist normal, verschieden zu sein."

Von: Christof Klaus, erstellt am 28.10.2008



Prof. Dr. Jutta Rump

"Employability als Sicherungsanker": Angesichts eines sich grundlegend wandelnden Arbeitsmarktes hält Prof. Dr. Jutta Rump ein breites Kompetenzprofil für unverzichtbar.

Podiumsdiskussion zum  

"Zukunftsfaktor Bildung": Über regionale Strategien diskutierten (v.l.) Herbert Lüdtke (BBW-Geschäftsführer), Dr. Andreas Wolf (Geschäftsführer LINNIG TRUCKTEC GmbH Markdorf), Prof. Dr. Jutta Rump (Fachhochschule Ludwigshafen), Andreas Köster (Sozialdezernent Bodenseekreis), Gabriele Kreiss (Leiterin Agentur für Arbeit Ravensburg), Frank Hautumm (Regionalleiter Schwäbische Zeitung Ravensburg), Norbert Zeller MdL (Vorsitzender im Schulausschuss des Landtages Baden-Württemberg), Mechthild Ziegler (Vorsitzende Lernen Fördern e.V.), Dr. Susanne Pacher  (Abteilungsleiterin Schule und Bildung, Regierungspräsidium Tübingen)