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Bildung ist nicht nur ein Standortfaktor

Kommentar zur Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung von Herbert Lüdtke, Geschäftsführer der Berufsbildungswerk Adolf Aich gGmbH.

Kommentar zur Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung von Herbert Lüdtke, Geschäftsführer der Berufsbildungswerk Adolf Aich gGmbH.

"Aufstieg durch Bildung" heißt eine Qualifizierungsinitiative, die die Bundesregierung im Januar 2008 gestartet hat. Ihr Ziel ist die Stärkung von Bildungschancen in allen Lebensbereichen, von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterbildung in den späteren Jahren. Besondere Aufmerksamkeit gilt der hohen Zahl junger Menschen ohne Schul- oder Ausbildungsabschluss. Geplant ist ein umfangreiches Maßnahmenbündel, für das der Bund in den nächsten drei Jahren rund 500 Millionen Euro zur Verfügung stellen will.

Die Politik greift damit Themen auf, die seit vielen Jahren von Bildungsforschern und -trägern bearbeitet werden. Ihre Dringlichkeit ist offensichtlich. Im Jahr 2006 haben immerhin 76000 junge Menschen (7,8 Prozent) die allgemein bildenden Schulen ohne Schulabschluss verlassen; 15 Prozent der jungen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren zählen zu den Ungelernten, darunter überproportional viele Migranten. Durch den langjährigen Mangel an Ausbildungsplätzen ist die Zahl der Altbewerber und der jungen Menschen in Warteschleifen in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen. Eine bundesweite Initiative, die sich dieser Zielgruppen annimmt, ist vor diesem Hintergrund nur zu begrüßen.

Aus Sicht der Praxis ist jedoch zu hinterfragen, ob die vorgesehenen Maßnahmen wirklich ihr Ziel erreichen können. So sollen Ausbildungsplätze für "Altbewerber" gewonnen werden, indem Betrieben ein "Ausbildungsbonus" in Höhe von 4000 bis 6000 Euro angeboten wird, wenn sie zusätzlich Jugendliche in Ausbildung nehmen, die im erstenAnlauf keinen Ausbildungsplatz bekommen haben und höchstens über einen Realabschluss verfügen. Mancher Betrieb kann vielleicht durch solche finanziellen Anreize für die Wahrnehmung sozialer Verantwortung gewonnen werden, aber generell ist die soziale Kompetenz und Verantwortung von Unternehmen nicht einfach eine monetäre Frage, sondern hängt mit gelebten Werten zusammen.

Auch wenn es grundsätzlich eine gute Sache ist, Betriebe für positives Verhalten zu fördern – warum soll man Firmen belohnen, die jahrelang nicht entsprechend ausgebildet haben? Und: Wenn Unternehmen mit der Ausbildung von Menschen mit zusätzlichem Förderbedarf überfordert sind, ist die Überforderung mit diesem Bonus zu überwinden? Ob hier, wie geplant, ausbildungsbegleitende Hilfen, sozialpädagogische Begleitung und organisatorische Unterstützung von den Betrieben in Anspruch genommen werden, bleibt abzuwarten. Bisher existierende ähnliche Modelle, zum Beispiel die sozialpädagogische Betreuung im Rahmen des Einstiegsqualifizierungsjahres (EQJ), sind nicht besonders gut angekommen.

Auch die Auswahl der Berufsfelder, in denen qualifiziert werden soll, muss auf ihre Tauglichkeit für den Arbeitsmarkt und für die Zielgruppe geprüft werden. Bei aller Fokussierung auf naturwissenschaftliche und technische Berufe sollte der Sozialbereich mit sozialen und pflegerischen Berufe nicht außer Acht gelassen werden. Hier bestehen tatsächlich Chancen und ein realistischer Arbeitsmarkt für Jugendliche mit zusätzlichem Förderbedarf.

Dass die ausgewählten Maßnahmen greifen, wäre der Qualifizierungsinitiative dringend zu wünschen. Denn eine Gesellschaft kann es sich auf Dauer nicht leisten, eine Gruppe chancenloser junger Leute in Form einer "Bugwelle" vor sich her zu schieben. Wenn es der neuen Initiative darum geht, jungen Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft eine chancenreiche Lebensperspektive in Deutschland zu bieten, nachhaltig und aus Interesse an den Menschen, könnte sie ein großer Schritt auf dem richtigen Weg sein.

Nachdenklich macht allerdings, dass in der Begründung des Bundesprogramms vor allem wirtschaftlich argumentiert wird: Der Standort Deutschland soll krisenfester gemacht werden, die Wettbewerbsfähigkeit des Landes verbessert, gegenüber Wettbewerbern aufgeholt und somit schließlich das Wirtschaftswachstum gesichert werden. Drückt sich darin aus, dass Bildung nur dann von Interesse ist, wenn sie im Dienst der Wirtschaft steht? Das wäre fatal. Es könnte ja sein, dass Deutschland und Europa den heutigen wirtschaftlichen Wohlstand gerade einer Kultur verdanken, die etwas breiter dachte und handelte. Einer Kultur, die Werte wie die Menschenrechte, das Recht auf Arbeit und Ausbildung hervorgebracht hat. Diese Rechte gelten unabhängig von konjunkturellen Schwankungen und dürfen gerade nicht nur an ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit gemessen werden.

Herbert Lüdtke
Geschäftsführer der Berufsbildungswerk Adolf Aich gGmbh

Von: Helga Raible, erstellt am 29.04.2008



Herbert Lüdtke

Herbert Lüdtke, Geschäftsführer der Berufsbildungswerk Adolf Aich gGmbH