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Auf den Spuren der "Schwabenkinder"

RAVENSBURG – Wie einst die "Schwabenkinder" haben sich 13 Auszubildende des Berufsbildungswerkes Adolf Aich (BBW) gGmbH auf den beschwerlichen Weg von Vorarlberg nach Oberschwaben gemacht. Zu Fuß waren die Jugendlichen fünf Tage lang unterwegs, um das Schicksal dieser österreichischen Bergbauernkinder aus früheren Jahrhunderten nachzuempfinden.

Kinder armer Bergbauernfamilien aus Tirol, Vorarlberg und Graubünden waren jedes Frühjahr über oft noch schneebedeckte Bergpässe nach Süddeutschland gezogen, wo sie in Städten wie Ravensburg auf Kindermärkten als Saisonarbeiter an oberschwäbische Bauern vermittelt wurden.

Fern der Heimat waren sie dadurch zwar dem zuhause drohenden Hunger entkommen, mussten aber in fremder Obhut oft leidvolle Monate überstehen. Allzu lange ist das Szenario noch gar nicht her: Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde die an Sklaverei grenzende Kinderarbeit hierzulande praktiziert. 



Auf die Spuren dieser Kinder, auf jenen "langen Weg zur Arbeit" haben sich nun 13 lernbehinderte Jugendliche, die gerade im BBW ihre Ausbildung absolvieren, begeben. Auch sie selbst müssen oft schwierige und lange Wege gehen, wenn sie am Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen.

Nicht immer kommt die Arbeit auf einen zu

Und auch heute spielt – wenn auch in einem ganz anderen Kontext – berufliche Mobilität eine große Rolle. "Wir wollten unsere Jugendlichen nachvollziehen lassen, was diese Schwabenkinder damals erfahren haben, welche Mühe sie auf sich nehmen mussten, nur um mit etwas Geld und neuer Kleidung diesen Weg im Herbst wieder heimgehen zu dürfen. Dabei soll auch klar gemacht werden, dass die Arbeit nicht immer zu einem kommt, sondern dass man selbst zur Arbeit gehen muss", beschreibt Ausbilder und Projektinitiator Thomas Wuttke die Idee hinter der Wanderung.



Fünf Tage lang war er mit seiner jungen Truppe unterwegs. Meist auf Feldwegen und Wiesen, abseits großer Straßen – von Schröcken im Bregenzerwald über Schnepfau, Schwarzenberg und den Lorenapass bis nach Ravensburg. Ziel des Marsches: die Stelle des historischen Hütekindermarktes in der Bachstraße, wo sich bis 1914 die "Schwabenkinder" nach ihrer Reise alljährlich im März versammelt hatten.

Sonne und Regen als Wegbegleiter

Strahlte bei der Ankunft der BBW-Jugendlichen die Sonne vom blauen Himmel, hatte sich das Wetter während der ersten Etappen jedoch nicht gerade von seiner gemütlichen Seite gezeigt. Drei Tage Dauerregen sorgte dafür, dass die 110 Kilometer lange Reise über Stock und Stein zu keinem Zuckerschlecken wurde.

Wuttke konnte dem zumindest einen positiven Aspekt abgewinnen: "Angesichts der widrigen Bedingungen war die Reise sehr authentisch", meinte er. "Jeder ist bis an seine Grenzen gegangen." So habe man überflutete Waldwege passieren und durch Wasserströme waten müssen. Pitschnass habe man abends Quartier in Hütten oder Turnhallen bezogen, denn auch die mitgenommenen Regenschirme hätten bei Wind und Wetter schnell ihren Geist aufgegeben. 

Bis an die Grenzen

"Da musstest du schon ein bisschen kämpfen", gibt die angehende Hauswirtschaftshelferin Madeleine Profaska zu. "Am Abend tat einem alles weh, vor allem die Beine und der Rücken vom schweren Gepäck." Kein Wunder, dass so mancher angesichts der sechsstündigen Tagesetappen beinahe vor dem inneren Schweinehund kapituliert hätte. Doch auch diese Schwächephasen meisterten die Jugendlichen. "Die haben sich gegenseitig gepusht", erzählt Wuttke anerkennend. "Ich denke, dass der eine oder andere jetzt ziemlich stolz darauf ist, was er geleistet hat." Vielleicht, so hofft er, seien die jungen Azubis nach dieser Erfahrung auch besser für zukünftige berufliche Durststrecken und Hürden gewappnet.




Die Jugendlichen zogen jedenfalls trotz schwerer Beine durchweg ein positives Fazit: "Es war anstrengend, aber es hat sehr viel Spaß gemacht", hieß es unisono. Erschöpft, aber zufrieden konnten sich die Azubis nach ihrem langen Marsch bei einem gemeinsamen Abschlussessen stärken. Danach, so waren sich alle Beteiligten einig, zählt aber nur noch das eine: "Füße hochlegen!"  

Von: Christof Klaus, erstellt am 19.07.2007




Geschafft: Die BBW-Jugendlichen und ihre Begleiter Wera Heinzle und Thomas Wuttke in Ravensburgs Altstadt.