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Teilhabe in Gefahr? Berufliche Reha in Zeiten von Arbeiten 4.0

EDINBURGH/RAVENSBURG – „Create a more inclusive World“ – So lautete jüngst das Motto des „Rehabilitation International World Congress“ im schottischen Edinburgh. Doch wie kann man tatsächlich eine inklusivere Welt schaffen? Welchen Platz haben Menschen mit Handicap in der digitalisierten Arbeitswelt von morgen? Und wo bleibt die Würde des Einzelnen im Zuge der Entwicklungen rund um die „Arbeit 4.0“? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigten sich bei dem dreitägigen Kongress über 1000 Delegierte aus 68 Ländern. Mit dabei: Herbert Lüdtke, Geschäftsführer des Berufsbildungswerks Adolf Aich (BBW) Ravensburg (Stiftung Liebenau).


Die Digitalisierung wird die gesamte Arbeitswelt schon in naher Zukunft revolutionieren. Im Zuge des sogenannten „Arbeiten 4.0“ verschwinden traditionelle Aufgaben, manche einfachere Tätigkeiten werden der Digitalisierung der Wirtschaft zum Opfer fallen, ganze Berufsbilder werden sich komplett verändern. Welchen Platz haben da noch die Menschen, die ohnehin um ihre gesellschaftliche und berufliche Teilhabe kämpfen müssen? Welche Chancen haben Geringqualifizierte, Menschen mit starken Mehrfachbehinderungen, mit psychischen Beeinträchtigungen oder mit sozialer Benachteiligung im Wettbewerb um die Jobs der Zukunft? Sind das die Verlierer der Digitalisierung?

Verlierer und Gewinner

„Bestimmte Personengruppen mit einer Behinderung werden von der fortschreitenden Digitalisierung und Robotisierung profitieren und mit Hilfe modernster Technik selbstbestimmter leben können“, meint BBW-Geschäftsführer Herbert Lüdtke. „Das gilt vor allem für Menschen mit einem hohen IQ und einer körperlichen Behinderung.“ Andere wiederum könnten aber durch die Digitalisierung auch „behinderter“ werden als zuvor, gerade was ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt angeht. „Insbesondere Menschen mit Lernbehinderung oder mit psychischen Störungen werden hier den Kürzeren ziehen.“ Personen also, die zur Klientel der Berufsbildungswerke zählen. Dort werden sie bei ihrem Weg in den Beruf und in ein eigenständiges Leben unterstützt und begleitet.

Viele offene Fragen

Doch wird es in Zukunft noch genügend Jobs für diese Menschen geben, oder ist es für die Unternehmen irgendwann günstiger und bequemer, einen Roboter dafür einzusetzen? Wann werden Computer den gering qualifizierten Mitarbeitern sagen, was sie zu tun haben? Ist es dann noch sinnvoll, Geld in die berufliche Rehabilitation zu stecken? Und für welche Personengruppen ist diese dann noch da?

Marktwert statt Würde?

Es bestehe die Gefahr, Menschen nur im Sinne ihrer Verwertbarkeit und ihrer Wirtschaftsleistung zu betrachten, so Lüdtke. „Interessante Gedanken hierzu kamen beim Kongress in Edinburgh von der britischen Behindertenrechtsaktivistin Sasha Saben Callaghan. Sie sprach von einer neuen Welle von Benachteiligung und Unterdrückung im Zuge eines neoliberalen Geistes, der sich im Gewand von Ökonomie und Wirtschaftlichkeit, von Budgets und Steuerung zeige.“ Dabei werde nicht mehr der Mensch an sich gesehen, sondern nur noch ein funktionaler Ausschnitt der Person – der Kunde und dessen „Marktwert“. Das Opfer dieser neuen Wirtschaftswelt: die menschliche Würde.

Teilhabe in Gefahr

Inklusion ist zwar in aller Munde. Und doch stehen wichtige Errungenschaften offenbar schon wieder auf der Kippe. Deshalb habe sich ja rund um das aktuelle Bundesteilhabegesetz eine neue Protestbewegung aus den Reihen von Menschen mit Handicap formiert. Dabei gebe es aber immer noch Betroffene, die fast keine Lobby haben, die sich nicht laut wehren und ihre Rechte einfordern: Menschen mit psychischen Störungen oder Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Wohin steuert die berufliche Reha?

„Heute benötigen wir diese Menschen als willkommene Arbeitskräfte in einer boomenden Ökonomie, aber auch morgen sollten wir eine Gesellschaft sein, die im Arbeitsleben nicht nur die Stärksten überleben lässt“, betont der BBW-Geschäftsführer. Ob sich die Investition in eine Ausbildung im Berufsbildungswerk volkswirtschaftlich lohne, diese Frage könne man – belegt von Studien – aktuell mit einem klaren Ja beantworten. „Wie viel dieses Anliegen aber der Gesellschaft in Zeiten von Arbeiten 4.0 wert sein wird und wie in Zukunft die Steuerung des Geldes und der beruflichen Rehabilitanden ablaufen wird – damit sollten wir uns schon heute beschäftigen“, so Herbert Lüdtke: „Vielleicht sollte die Frage aber auch andersherum lauten: Können und wollen wir es uns als moderne, auf Teilhabe und soziale Werte setzende Gesellschaft überhaupt leisten, bestimmte Menschen auszugrenzen?“

 


 

Kontakt:
Stiftung Liebenau
Abteilung Kommunikation und Marketing
Vera Ruppert, Pressearbeit
Siggenweilerstr. 11
88074 Meckenbeuren
Telefon 07542 10-1181
vera.ruppert(at)stiftung-liebenau.de

www.stiftung-liebenau.de

 

 

erstellt am 13.12.2016



Berufliche Rehabilitation im Berufsbildungswerk Adolf Aich Ravensburg: Junge Menschen mit besonderem Teilhabebedarf werden für den ersten Arbeitsmarkt ausgebildet. Welche Zukunft haben sie in einer digitalisierten Arbeitswelt?

Berufliche Rehabilitation im Berufsbildungswerk Adolf Aich Ravensburg: Junge Menschen mit besonderem Teilhabebedarf werden für den ersten Arbeitsmarkt ausgebildet. Welche Zukunft haben sie in einer digitalisierten Arbeitswelt?

Einer von 1 000 Delegierten aus 68 Ländern beim Kongress „Create a more inclusive world“: Geschäftsführer des BBW Adolf Aich Ravensburg, Herbert Lüdtke.

Einer von 1 000 Delegierten aus 68 Ländern beim Kongress „Create a more inclusive world“: Geschäftsführer des BBW Adolf Aich Ravensburg, Herbert Lüdtke.