Neu: Digitale Ausbildung – „E-Learning“ bedeutet Inklusion per se

Im Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) der Stiftung Liebenau setzt man in der Ausbildung verstärkt auf digitales Lernen. So können sich die angehenden Fachkräfte über eine Online-Plattform austauschen, Übungsaufgaben lösen und sich dabei ganz individuell auf ihre Prüfungen vorbereiten. Doch die Azubis sind nicht nur Nutzer des Systems, sie beteiligen sich auch aktiv am Aufbau dieser Wissensdatenbank.

 

Prüfungsvorbereitung am Smartphone, Übungsaufgaben online bearbeiten, Nachhilfe am PC? Für einen Teil der Azubis im BBW ist das schon heute Alltag. Denn hier wird das „E-Learning“, also das Lernen mit Unterstützung elektronischer Medien, derzeit mit Nachdruck vorangetrieben. Genauer gesagt im „Lok-Center“, dem Außenstandort des BBW in der Ravensburger Bahnstadt, wo angehende Kaufleute für Büromanagement und Fachinformatiker ausgebildet werden. Auch Azubis aus dem BBW-Lagerbereich greifen bei Teilen der Ausbildung schon auf dieses System zurück. „Es handelt sich dabei um eine Form des kooperativen, des viralen Lernens“, erklärt der für das Pilotprojekt verantwortliche Matthias Friedetzky. Dabei werden – neben den „normalen“ Ausbildungsmethoden – verschiedene Lernmodule und Übungsaufgaben online abgebildet.

Forum, Lernplattform und Wissensbasis
Technische Grundlage des Ganzen ist eine professionelle Internet-Plattform, die mit eigenen Inhalten peu à peu „gefüttert“ wird. Das können Tutorials für den Umgang mit Excel-Tabellen sein, Wiki-Beiträge über bestimmte Themen oder Blogs zum Berichtsheft. Auch ein Forum mit Fragen und Antworten gehört dazu. Hier werden Erfahrungen ausgetauscht und gegenseitig Tipps gegeben – von Mensch zu Mensch, aber ohne Vorurteile und Wissen, wer da am anderen Ende des Netzwerkes sitzt und hilft. Hier spielt es keine Rolle, ob Ausbilder oder Azubi, ob Mensch mit Lernbehinderung oder Autismus oder ohne. „Es kann gut vorkommen, dass ein Mensch mit Handicap zum Tutor wird für einen Menschen ohne Handicap“, so Friedetzky: „Besser kann man Inklusion doch nicht realisieren.“
 
Azubis arbeiten aktiv mit
Neben dem Wissensaustausch wird das System aber insbesondere auch für die Bearbeitung von Lerninhalten und für Übungsaufgaben benutzt. So stehen Module für Fächer wie Lagerwirtschaft, Kalkulation oder Gemeinschaftskunde zur Verfügung. Und das Angebot wächst stetig. „Auf diese Art entsteht eine immer breitere Wissensbasis“, sagt Friedetzky. Das Besondere: Die Einpflege dieser Lerninhalte übernehmen auch Azubis – wie etwa die angehende Kauffrau für Büromanagement Susanne Metzler. Im Rahmen einer Arbeitsprobe nimmt sich die 23-jährige Umschülerin derzeit Prüfungsblätter der letzten zehn Jahre vor, scannt die Bögen ein und bearbeitet sie. „Meine Aufgabe ist es, die umfangreichen Prüfungsaufgaben in kleine Übungseinheiten aufzuteilen.“ Dazu formuliert sie verständliche Arbeitsanweisungen und schiebt die Dateien dann in die entsprechenden Ordner der Online-Plattform. „Das erledige ich komplett alleine.“ Die Übungen können Azubis dann entweder papierlos am Rechner bearbeiten oder sich ausdrucken. Ihre Lösungen werden ebenfalls wieder im System hochgeladen und dort von den Ausbildern korrigiert, kommentiert und bewertet. „Ob im Zug oder zuhause, ich kann überall diese Aufgaben machen und somit Zeit effektiver nutzen“, so Susanne Metzler.

Gut vernetzt
Diese Flexibilität beim Lernen ist ein Vorteil, gleichzeitig wird der Lernfortschritt aber auch gut dokumentiert, wie Fachinformatik-Ausbilder Daniel Scheffold betont. Wer hat welche Lernmodule schon bearbeitet? Wie ist der Wissenstand der Azubis? Die Ausbilder und Lehrer sind – auch im Vertretungsfall – immer im Bilde, und der Weg zu ihren Azubis wird kürzer. So sind etwa die Büromanagement-Lehrlinge über mehrere Standorte verteilt. „Mit dieser Plattform erreichen wir sie überall“, so Friedetzky. „Und wenn jemand in Vogt ist im Praktikum, dann ist er gleichzeitig auch hier.“

Azubis sind aktiv beteiligt
Persönlich anwesend im Lok-Center ist Kilian Drischel. Der Fachinformatik-Azubi kümmert sich um die technischen Dinge bei der Lernplattform. So verwaltet er als Systemadministrator die Teilnehmerprofile, richtet neue Benutzerzugänge und Online-Kurse ein und verteilt die entsprechenden Mitgliederrechte. Zudem ist er aktiv beteiligt beim Erstellen der Lernmodule, zum Beispiel bei einem aktuellen Projekt zum Thema Brandschutz, das gerade für den Verbund der Stiftung Liebenau entwickelt wird.

Zusätzlicher Lernkanal
Matthias Friedetzky betont, dass es sich beim E-Learning um eine Ergänzung handelt. „Das, was wir in der Ausbildung schon gut machen, wird jetzt unterstützt durch einen zusätzlichen Lernkanal.“ Das sei nicht zuletzt eine Erleichterung für jene Azubis, die ganz besondere Rahmenbedingungen brauchen. Zum Beispiel Autisten, die gerne ungestört sind beim Lernen. Mit Hilfe der digitalen Tools könne man noch besser auf das Lerntempo des Einzelnen eingehen: „Schnell-Lerner“ werden nicht gelangweilt, andere wiederum haben die Möglichkeit, Übungen zu wiederholen. Und: Durch die Förderung von Selbstständigkeit und das Setzen von Bearbeitungsfristen werden auch ganz analoge Soft-Skills wie Verantwortung und Zeitmanagement geübt.

Auch Azubis wie Susanne Metzler beteiligen sich aktiv am Aufbau der elektronischen Lernplattform im Ravensburger Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW).
E-Learning im BBW